Kriegseinwirkungen und deren Folgen
Das ehemalige unterirdische Tanklager in Bremen Farge stellt nicht nur auf Grund seiner Historie und seines Fassungsvermögens eine absolute Besonderheit in Deutschland dar, sondern auch aufgrund seiner Kampfmittelbelastung.
Der Luftangriff vom 27. März 1945
Die Hansestadt Bremen war bereits seit dem Jahr 1940 zahlreichen Luftangriffen ausgesetzt, welche das ehemalige Tanklager jedoch eher sekundär betrafen und im Einzelnen auch nicht zweifelsfrei nachgewiesen sind. Von absolut herausragender Bedeutung ist der Luftangriff der Royal Air Force am 27.03.1945 mit 91 Flugzeugen bei dem ca. 500 bis 990 Stück 1.000-lb-(ca. 500 kg) Bomben auf das Tanklager abgeworfen wurden. Die Besonderheiten dieses Luftangriffs war, dass alle abgeworfenen Sprengbomben ausnahmslos mit chemischen Langzeitzündern ausgestattet waren sowie die große Menge an eingesetzten Sprengbomben in Bezug auf eine relativ kleine Fläche. Solch eine ähnliche o. vergleichbare Situation gibt es deutschlandweit neben Bremen – Farge nur noch in Oranienburg (Land Brandenburg). Diese „Besonderheiten" führen zu einer Vielzahl von Problemen.
Herausforderungen bei der Erfassung der Kampfmittelbelastung
Das erste Problem ist, dass die Anzahl der über dem Tanklager abgeworfenen Sprengbomben nicht genau bestimmbar ist, da ein Teil der am Luftangriff beteiligten Flugzeuge nicht nur das Tanklager bombardierten, sondern auch den benachbarten Bunker Valentin und wir nicht genau wissen wieviel Bomben bzw. Bombenlast hierfür verwendet wurde.
Ein weiteres Problem stellt die dichte Waldbedeckung des ehemaligen Tanklagers dar, welche eine eindeutige luftbildsichtige Auswertung der Angriffsfolgen nicht ermöglicht. Und auch die große Menge der verwendeten Sprengbomben stellt bei Luftbildauswertungen ein Problem dar, da es zu einer Überdeckung von Detonationsereignissen gekommen ist und dadurch bestimmte und für die Auswertung wichtige Verdachtsmerkmale nicht mehr erkennbar sind.
Das führt dazu, dass nicht genau abgeschätzt werden kann wie viele Bombenblindgänger sich noch im Boden befinden. Unter Berücksichtigung von fachspezifischen Quoten und den Ergebnissen der Phase A kann von ca. 50 bis 100 noch nicht identifizierten Bombenblindgängern im Bereich des ehemaligen Tanklagers ausgegangen werden.
Die Besonderheit chemischer Langzeitzünder
Und auch der ausschließliche Einsatz von chemischen Langzeitzünder stellt ein Problem dar. Die chemischen Langzeitzünder waren so konstruiert, dass sie nicht kurz vor dem Aufschlag oder beim Aufschlag die Detonation auslösten, sondern erst nach Minuten oder Stunden. Je nachdem welche individuelle Auslösezeiten durch die Bomberbesatzungen eingestellt wurden.
Aufgrund unterschiedlicher Faktoren konnte es passieren, dass die chemischen Langzeitzünder nicht funktionierten – also die Bombe nicht detonierte. Dies lag in der Regel jedoch nicht daran, dass diese defekt waren, sondern weil ihr innenliegender chemischer und mechanischer Mechanismus aufgrund der Lage der Bombe im Boden in seinem konstruierten Ablauf unterbrochen wurde. Ursache hierfür ist das Verhalten der Bomben beim Eindringen in den Boden, das dazu führen kann, dass die Bombe nicht mit der Bombenspitze nach unten gerichtet im Boden zum Stillstand kommt, sondern sie sich nach dem Eindringen in den Boden in einer kurvenförmigen Bewegung wieder aufwärtsbewegt und so mit der Bombenspitze nach oben gerichtet zum Stillstand kommt. Das führt dazu, dass die nicht detonierten chemischen Langzeitzünder bis zum heutigen Tage voll funktionsfähig sind und theoretisch jederzeit zur Umsetzung gelangen könnten.
Bisherige Kampfmittelräummaßnahmen
Durch den Kampfmittelräumdienst der Hansestadt Bremen, der BImA und der Bundeswehr wurden in der Vergangenheit eine Reihe von Kampfmittelräummaßnahmen der Phasen A (Luftbildauswertungen) und Phase C (Untersuchung von Blindgängerverdachtspunkten, Flächenräumungen) nach BFR KMR durchgeführt. Hierbei wurden bis zum Jahre 2023 insgesamt 33 Bombenblindgänger identifiziert und entschärft bzw. vor Ort durch Sprengung vernichtet. Alle identifizierten Bombenblindgänger waren mit chemischen Langzeitzündern ausgestattet.
Nach der Betriebseinstellung des Tanklagers wurden aufgrund des weiterhin bestehenden Kampfmittelverdachts im Bereich des ehemaligen Tanklagers die anschließenden Rückbau- und Sicherungsmaßnahmen mittels vorlaufender oder begleitender Kampfmittelräummaßnahmen abgesichert. Hierbei wurden zwei weitere Bombenblindgänger mit chemischen Langzeitzündern geborgen und entschärft bzw. gesprengt. Diese beiden Bombenblindgänger bestätigen nicht nur die o.g. Probleme bei der Erkundung aufgrund der Waldbedeckung und der Überlagerung von Detonationsauswirkungen, sondern auch die weiterhin bestehende Kampfmittelbelastung auf dem gesamten Gelände des ehemaligen Tanklagers Bremen Farge durch blindgegangenen Abwurfmunition.
Weitere Kampfmittelgefahren aus militärischer Nutzung
Als ehemals militärisch genutzte Liegenschaft besteht auf dem Gelände des ehemaligen Tanklagers Bremen-Farge jedoch nicht nur ein Kampfmittelverdacht aufgrund des Verursachungsszenarium Luftangriffe, sondern auch aufgrund der hier im 2. Weltkrieg angelegten Luftabwehrstellungen (Flakstellungen), dem militärischen Betrieb und durch die Entledigung von Kampfmitteln in bestehende Hohlformen zum Ende des 2. Weltkrieges. Auch wenn der hieraus resultierende Kampfmittelverdacht im Vergleich zum Verdacht auf blindgegangene Abwurfkampfmittel relativ klein ist, so bestätigen vereinzelte Funde von entsprechenden Kampfmitteln auch diesen Verdacht.
Die aus der bestehenden Kampfmittelbelastung/ Kampfmittelverdacht resultierenden Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung finden u.a. in der am 30.09.2024 erlassenen Allgemeinverfügung „Beschränkung des Betretens des Geländes des ehemaligen Tanklagers Farge" Berücksichtigung.
Auswirkungen auf die Sanierungsarbeiten
Die bestehenden Kampfmittelbelastungen durch Abwurfkampfmittel und der bestehende bzw. nicht vollständig auszuschließende Kampfmittelverdacht auf Artillerie- und Infanteriekampfmitteln hat auch Auswirkungen auf die Sanierungsarbeiten im Bereich des Verladebahnhofs II, da diese mit umfangreichen und unterschiedlichen baulichen Eingriffen in den Boden/Untergrund verbunden sind. Hierbei besteht die Gefahr, dass die im Boden/ Untergrund befindlichen Kampfmittel entweder durch direkte Einwirkungen (z.B. Baggerschaufel) oder indirekte Einwirkungen (z.B. Erschütterungen) zur Umsetzung (Detonation) gebracht werden. Diese Gefahr hat nicht nur Auswirkungen auf die öffentliche Gefahrenabwehr, sondern auch auf den Arbeitsschutz und die unmittelbare Projektdurchführung.
Vor dem Beginn der eigentlichen Sanierungsarbeiten müssen daher die Gefahren durch Kampfmittel auf allen von der Sanierung betroffenen und beanspruchten Flächen vollständig beseitigt werden.
Bildergalerie

Fundsituation: 1.000 lbs Sprengbombe, Bombenspitze ca. 10 cm unter GOK. Im Bild: Bombenspitze (Quelle: KRD HB Bremen, Dezember 2025).

Freigelegt: 1.000 lbs Sprengbombe, Bombenspitze zeigt nach oben. Im Bild: Bombenboden ohne Leitwerk mit chem. Langzeitzünder (KRD HB Bremen, Dezember 2025).

Chemischer Langzeitzünder nach Entschärfung (KRD HB Bremen, Dezember 2025).

09.03.2025: Sprengung v. 4 x MC 1000 mit LZZ 53 (KRD HB).